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Der indogermanische Sprachstamm, unsere Urwurzel

Nachfolgendes, wiedergegeben aus dem Buch:

Geschichte der deutschen National – Literatur”–von Herrmann Kluge / Altenburg, im Oktober 1912

 

1. Begriff der deutschen Literaturgeschichte

Die deutsche Literatur im weitesten Umfange ist der Inbegriff aller in Sprache und Schrift niedergelegten Geisteswerke des deutschen Volkes. Von dieser Gesamtheit bildet die deutsche Nationalliteratur nur einen Teil. Sie hat es nicht mit allen Geistesprodukten unseres Volkes zu tun, am wenigsten mit der sogenannten gelehrten oder wissenschaftlichen Literatur, sie umfaßt vielmehr nur diejenigen literarischen Kunstwerke, welche ein eigentümlich deutsches Gepräge tragen, d. h. die unserem deutschen Volke eigentümliche Anschauung, Gesinnung, Sitte abspiegeln. Da nun in der Poesie, der ältesten und eigentümlichsten Sprache aller Völker, vor allem deutscher Geist und deutsches Leben sich ausprägt, so wird vorzugsweise die poetische Nationalliteratur der Deutschen ins Auge zu fassen sein. Die Geschichte dieser Literatur stellt den Entwicklungsgang der geistigen Bildung des deutschen Volkes dar. Die bedeutendsten und brauchbarsten Werke, welche die deutsche Literaturgeschichte von der ältesten bis auf die neueste Zeit behandelten, sind August Koberstein, Karl Friedrich Bartsch, Georg Gottfried Gervinus, Heinrich Kurz, Wilhelm Schäfer, Karl Goedeke, August Friedrich Christian Vilmar, Heinrich Löbner, Carl Reuschel, Wilhelm Wackernagel, Ernst Martin, Otto Roguette, Wilhelm Lindemann, Werner Hahn, Adolf Bartels, Robert Koenig, und Otto von Leirner, alle verstorben zwischen den Jahren 1870 und 1910.

 

2. Der indogermanische Sprachstamm

 

Unsere deutsche Sprache, in der die Schätze unserer Literatur niedergelegt sind, gehört nebst den anderen germanischen Dialekten (s. u. 3.) zu dem sogenannten indogermanischen (richtiger indoeuropäischen oder arischen) Sprachstamme. >>>(**Das Wort Germanen, das keltisch ist und “Nachbarn” bedeutet, läßt sich erst seit dem Ende des 2. Jahrhunderts nachweisen.**)<<< Dazu gehört in Asien die Sprache der Inder, deren heilige Bücher, die Veder, sowie die Heldenepen (Mahabharata, Ramayana) und andere klassische Dichtungen im Sanskrit – Dialekt (Sanskrit = die vollkommene, reine Sprache) geschrieben sind, während die heutigen Mundarten Hindostans auf die alten Dialekte des Pali, Pakrit usw. zurückgehen. Ferner die Zentsprache (die Sprache des Aveste), der heiligen Schriften der Parsen, das Altpersische, Neupersische und das Armenische. Die europäischen Zweige dieses Stammes sind:

  1. die griechische Sprache,
  2. das Lateinische mit seinen romanischen Töchtersprachen -(italienisch, spanisch, portugiesisch, französisch, churwälsch in Graubünden, rumänisch oder wallachisch usw.),
  3. die slawischen Sprachen, wozu jetzt vor allem das Russische, Slowenische (Kärnten, Steiermark, Krain), Polnische, Serbische, Bulgarische, Tschechische, Wendische gehören. Beim Bulgarischen ist das Neubulgarische vom Altbulgarischen zu unterscheiden. Das letztere ist das sogenannte Kirchenslawische, d. h. die Sprache, in welche Cyrillus und Methodius um die Mitte des 9. Jahrhunderts die Bibel übersetzten,
  4. das Litauische mit den verwandten Dialekten des Altpreußischen (im 16.Jahrhundert erloschen) und Lettischen (in Kurland und südlichen Livland),
  5. die keltische Sprache, von der sich noch Reste finden in Irland, Hochschottland (gälisch), Wales (walisisch oder kymrisch) und der Bretagne (amorisch),
  6. die Sprache der Germanen. die also nicht eine Tochter des Sanskrit, ebenso wenig des Zent und des Altpersischen, wohl aber eine Schwester dieser ältesten asiatischen wie der europäischen Sprachen ist.

 

Die Zusammengehörigkeit und gemeinsame Abstammung aller dieser Sprachen wurde zuerst nachgewiesen durch den Begründer der vergleichbaren Sprachwissenschaft, Franz Bopp (geb.1791 in Mainz, gest.1867 in Berlin). Auf der von Bopp gelegten Grundlage fußend, haben seine Nachfolger August Schleicher, Johannes Schmidt und Karl Brugmann u. a. diese Wissenschaft weiter ausgebaut und zunächst ist diese Übereinstimmung der indogermanischen Sprachen nachweisbar aus den Worten selbst. Es mögen einige Beispiele solcher verwandten Wortstämme folgen, und zwar so, daß Sanskrit neben Altbaktrisch (Zent), Griechisch, Lateinisch und Deutsch gestellt wird: pitar – patar – pater – Vater ; naman – naman – nomen – Name. Diese drei Forscher, und andere Forscher der neuesten Zeit gelangten zu vorher ungeahnten Ergebnissen über das Aussehen, den Wortreichtum und die Flexionsfähigkeit der erschlossenen indogermanischen Ursprache. Je weiter wir nämlich die oben gedachten Sprachen zurückverfolgen, umso ähnlicher werden sie untereinander, so daß es uns jetzt möglich ist, die gemeinsame Mutter, die Ursprache, zum größten Teil wieder herzustellen. Aus ihr lassen sich dann nach bestimmten Entwicklungsgesetzen die einzelnen indogermanischen Sprachen ableiten. Man vergleiche indogerm.-mater, altindisch-mata, grich.-mitro (matro), lat.-mater, altniederdeutsch-mödar, Mutter.

 

3. Der germanische Sprachstamm und seine Dialekte

Während der Wanderungen der einzelnen indogermanischen Völker aus ihren Ursitzen in ihre geschichtlichen Wohnsitze und auch noch später erlitten ihre Sprachen naturgemäß mannigfache Veränderungen, die sie immer weiter von der Ursprache entfernten. Bei dem einen Volke war es mehr das Vokalsystem, das dabei umgestaltet wurde, wie bei den Indo – Iranern, bei den anderen mehr das Konsonantensystem, wie bei den Italikern und Kelten. Keine Sprache aber hat eine so durchgreifende Umgestaltung ihres Konsonantensystems erlitten wie die der Germanen. Sie erfolgte noch in der Zeit, da alle germanischen Stämme eine gemeinsame Sprache redeten, die wir als das Urgermanische zu bezeichnen pflegen. Jakob Grimm (geb. 4.Januar 1785 in Hanau, gest. 20. September 1863 in Berlin), der bedeutendste Forscher auf dem Gebiete der Germanistik, nannte diese Erscheinung: Lautverschiebung. Die germanischen Sprachen scheiden sich in drei Hauptgruppen : Ostgermanisch-(gotisch), Nordgermanisch-(altnordisch), und Westgermanisch-(urdeutsch mit seinen verschiedenen Zweigen):

  1. das Gotische, das sich auszeichnet durch reine und volltönende Vokale auch in den End- und Flexionssilben, durch die reichste Mannigfaltigkeit und die größte Regelmäßigkeit in der Bildung der Formen. Es können fast alle Kasus durch Endungen voneinander unterschieden werden.
  2. das Altnordische, das sich in den Mundarten des Norwegisch – Isländischen und des Schwedisch – Dänischen fortentwickelt hat. Die altnordischen Schriftendenkmäler werfen auch einiges Licht auf die sonst sehr dunkle deutsche Mythologie.

 

Der Götterglaube hatte sich gebildet als die germanischen Stämme noch in Gemeinschaft miteinander lebten; er war neben der gemeinsamen Sprache ein zweites Band, das sie alle untereinander zusammenhielt. Desgleichen deuten die Grundzüge der Göttermythen nicht minder wie die Sprache auf den Zusammenhang des germanischen Volkes mit dem indischen, persischen und griechischen Altertume. In Deutschland verhinderte die frühe Verdrängung des Heidentums durch das Christentum die schriftliche Aufzeichnung der Göttersagen. Anders war es bei den Skandinaviern in Island, wohin das Christentum erst um das Jahr 1000 kam, und wo sich ein besonderer Sängerbund der Skalden gebildet hatte, in deren Verpflichtung es lag, die alten Sagen des Volkes zu bewahren. Hier entstanden zwei Sammelwerke, welche als die ältesten und reichhaltigsten Quellen der germanischen Mythologie zu betrachten sind, es sind dies die ältere oder Lieder-Edda und die jüngere oder Prosa-Edda (Edda im Altnordischen = Poetik). Die Lieder der ersten hat angeblich gesammelt und aufgezeichnet der gelehrte Isländer Sämund Sigfusson (gest.1133); doch sind diese viel älter. Die Lieder-Edda befindet sich handschriftlich in Kopenhagen in dem codex regius. Die prosaische oder sogenannte jüngere Edda, von dem isländischen Geschichtsschreiber Snorri Sturleson (gest.1141) verfaßt, enthält eine Poetik für die nordischen Sänger.

Unbekannt sind uns dagegen aus dieser Periode die Sprachen der übrigen germanischen Stämme, von welchen wir keine Literaturdenkmale haben, wie das Wandalische, Langobardische und leider auch das Urdeutsche, die Mutter unserer deutschen Sprache. Die deutsche Sprache lernten wir erst im Zeitalter >> Karl des Großen << kennen.

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