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Ein deutscher König

24.01.2012 / Thema / Seite 10 Inhalt

http://www.jungewelt.de/2012/01-24/016.php

Hintergrund. Brandenburg begeht ein Jahr lang den 300. Geburtstag von Friedrich II.

Von Kurt Pätzold
 
Feiern für Friedrich: In Brandenburg fiebert man dem Geburt

 

Feiern für Friedrich: In Brandenburg fiebert man dem Geburtstag des Preußenkönigs entgegen (Letschin, 9.12.2011)

Foto: Reuters

Wer am 25. August dieses Jahres – einem Sonnabend – noch nichts Verpflichtendes oder Besseres in seinem Kalender vermerkt hat, ist zu einem nicht alltäglichen Unternehmen eingeladen, das in Deutschland einst Tradition besaß, die inzwischen allerdings einigermaßen verkümmert ist: zum Schlachtortetourismus. Offeriert wird ein Ausflug in zwei Dörfer, in denen und deren Umgebung der Preußenkönig Friedrich II. die bunten Haufen seiner Soldaten in das Feuer der gegnerischen Truppen schickte, aus dem sie als Krüp­pel zurückkehrten, in dem sie um- oder auch mit dem Schrecken davonkamen. Die Flecken liegen jenseits der Oder auf polnischem Boden. Sie heißen heute Sarbinowo und Kunowice und zählen kaum mehr als 500 Einwohner. Dereinst lauteten die Namen der beiden Orte Zorndorf und Kunersdorf. Dieser liegt nahe Frankfurt an der Oder, jener nahe Küstrin. Sie befinden sich also nur einen Katzensprung von Seelow entfernt, von wo zur Reise aufgebrochen werden soll, unter der Regie der dortigen Gedenkstätte, die an eine viel spätere Schlacht erinnert.Der Tag ist wohl gewählt. Es ist der Jahrestag, an dem sich in Zorndorf 1758 die preußischen und die russischen Truppen der Zarin Elisabeth schlugen. Man schrieb das zweite Jahr des Krieges, der schließlich sieben Jahre dauerte. Ein Sieg der Preußen sollte dem Gegner weiteres Vordringen nach Osten, nach Berlin und vor allem eine Vereinigung mit dem anderen Gegner Friedrichs, den Heeren der Maria Theresia, verwehren. Zu sehen ist am Ort der Mörderei wenig. Die Zeit der großen Soldatenfriedhöfe, wie sie später in Verdun und in Halbe geschaffen wurden, war noch nicht gekommen. Und auch mit einem Siegesdenkmal war es in Zorndorf so eine Sache, denn das Treffen besaß keinen klaren Sieger. Das Ziel, die Zarenarmee aus den weiteren Kriegsereignissen auszuschalten, indem ihr eine verheerende Niederlage bereitet wurde, war mißlungen, doch beschlossen die russischen Generale nicht, die Entscheidung zu erzwingen. Friedrich erhielt eine Atempause.

»Friedrich-Freude-Eierschecke«

Anders der Ausgang in Kunersdorf ein Jahr später am 12. August 1759, als der Preußenkönig die Schlacht mit den verbündeten österreichisch-russischen Truppen risikobereit und abenteuerlustig suchte und einen erheblichen Teil seiner Truppen in heilloser Flucht sah. Für einen Moment glaubte er sein Königreich schon verloren. Zufrieden und benebelt von ihrem Triumph feierten die Sieger ihn mehr, als daß sie den Sieg ausbeuteten. Friedrich formierte sein Heer erneut.

Mit den Schlachtszenen von Kunersdorf begann übrigens ein Nazifilm des Regisseurs Veit Harlan, der 1942 in die Theater kam. Er stellte die Deutschen, die eben durch die Winterschlacht vor Moskau anhaltend verunsichert waren (wiewohl über Fluchten der Wehrmachtstruppen geschwiegen wurde), darauf ein, daß sich das »Schlachtenglück« wieder wenden werde wie einst. Auch in Kunersdorf gab es keinen Soldatenfriedhof. Er hätte allein für 6000 tote Preußen Platz bieten müssen.

Das Angebot der Seelower Gedenkstätte, was immer man von dem Einfall halten mag, ist doch in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen, weil es an Stätten führt, die den Mann, der da befehligte, nicht als den glorreichen Sieger erscheinen läßt, als der er noch immer durch vielerlei Vorstellungen von der Geschichte seiner Kriege geistert. Allerdings nur noch durch die einer Minderheit von Deutschen. Denn Potsdamer Experten, die wissen wollten, welche Aufgabe ihnen bevorstehe, wenn die Schwelle zu 2012 überschritten werde, hatten festgestellt, daß von den Bundesbürgern, die jünger als 28 Jahre alt waren, nur 16 Prozent mit dem Namen Friedrichs II. irgendeine historische Gestalt zu verbinden wüßten. Nun mag die Wahl auf Zorndorf und Kunersdorf, wo von Friedrichs »Kriegskunst« wenig aufflammte, einzig aufgrund der Nähe der Orte gefallen sein. Andere Schlachtorte, wie Züllichau (poln. Sulechów) nahe Grünberg (poln. Zielona Góra), wo die Preußen am 2. und 3.Juli 1759 den Österreichern unterlagen, und Leuthen (poln. Lutynia), wo Friedrichs Armee die Österreicher 1757 geschlagen hatte, wären nur mit erheblichem größerem Aufwand zu erreichen gewesen.

Zweitens aber bringt die vorgesehene Tour die Gedanken überhaupt auf den absolutistischen Kriegsherrn, der im Jubel und Trubel der angekündigten Veranstaltungen eher verborgen wird.

Die Politiker hierzulande haben mit der Ablehnung des Krieges in Afghanistan, den Deutschland als eine der verbündeten Mächte führt, durch die Mehrheit der Landeskinder genug. Das Thema Krieg wird gemieden. Und mit diesem Hohenzollern läßt sich das machen. Mit ihm können Reden auf die Musik und die Architektur, den Ackerbau und das aufkommende Manufakturwesen gebracht werden. Dieser Brunnen ist nahezu unerschöpflich: Friedrichs Flöte und seine Hunde, Sanssoussi und das Neue Palais, seine Ehe, die Oper »Montezuma« und das Opernhaus in Berlin, seine Eßgewohnheiten und seine Kleidung. Damit sind Bücher gefüllt worden, die Regalreihen besetzen. Dort bedienen sich in diesen Tagen viele bis hin zu jenem Potsdamer Kabarett, daß sein Programm »Friedrich-Freude-Eierschecke« nennt.

Das Friedrich- oder auch Preußenjahr, wie seine Akteure das Spektakel nennen, zielt auf den ersten Blick weniger auf die Köpfe, denn auf die Geldbeutel und auf die Unterhaltung von Massen, die ohne Events nicht leben sollen und zu Millionen inzwischen auch an sie gewöhnt wurden. Den Potsdamern wird vom Verein Kulturland Brandenburg zum Auftakt ein »Fest für Friedrich« veranstaltet, das zwölf Tage dauert und in den 24. Januar mündet, an dem die Kronprinzessin im Berliner Schloß den kleinen Fritz zur Welt brachte, der sich später den Dauerplatz in der europäischen Geschichte verschaffte. Am Elend des Heranwachsenden führt keine Friedrich-Feier vorbei. Den Part gibt eine Theatergruppe in Berlin-Köpenick. Im Wappensaal des dortigen Schlosses wird das Stück »Kriegsgericht in Köpenick« zu sehen sein, die frei nachgestellte Verhandlung der königlichen Juristen, die den Offizier Hans Hermann von Katte, den Freund des Kronprinzen, zum Tode verurteilen sollten und das dann doch lieber ihrem Auftraggeber überließen.

Herr der Herzen

Süße Schokomonarchen – Eine Potsdamer Confiseri
Süße Schokomonarchen – Eine Potsdamer Confiserie präsentiert ihren Beitrag zur kritischen Geschichtsaufarbeitung (links Luise von Preußen, rechts Friedrich II., Potsdam, 22.3.2010)

Foto: ddp

Wer in Brandenburg und in Berlin über Ausstellungsflächen gebietet und dazu über Zeugnisse, die auf den Preußenkönig verweisen, lädt zu Besichtigungen ein. Auf’s Ganze der Person werde die zentrale Schau im weitgehend restaurierten Neuen Palais in Potsdam gerichtet sein. Rheinsberg wird selbstredend die Tage des Kronprinzen präsentieren, und dort sollen auch »300 Flöten für Friedrich« erklingen. Andernorts wird er als der Förderer des Kartoffelanbaus dargestellt werden, eine Initiative von der sich der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten unter anderem verspricht, daß die Legende von Friedrich als dem Begründer dieses Anbaus getilgt werde und damit auch die verbreitete Sitte von Besuchern, auf sein Grab ehrend statt Blumen eine dieser Früchte abzulegen.Mindestens eine Auswahl der etwa 40 Kino- und Fernsehfilme, die seit 1910 über Friedrich II. und seine Zeit gedreht wurden, wird dem interessierten Publikum in Potsdam aus Archivbeständen gezeigt werden können. Reich ist auch das aktuelle Angebot an Literatur. Was geboten wird aus der Feder von Historikern und Journalisten aller Sparten läßt sich partiell bereits an Buchtiteln ablesen. Dazu gehören: »Ein deutscher König« und »Unser König«. Eine Studie ist betitelt »Gefühlspolitik. Friedrich II als Herr über die Herzen«, in ihr werde untersucht, so der Verlag, »wie er Gefühle inszenierte, erzeugte oder in seinen Dienst nahm«. Das ist nicht die einzige Veröffentlichung, deren Autor sich gleichsam im Kriechgang ins Innere des Herrschers aufmacht. Seine individuellen erwiesenen oder vermuteten Antriebe für Entscheidungen werden ausgebreitet und – in der Traditionslinie jener Geschichtslehrer, der zufolge »große« Männer die Geschichte machen – als alleiniger Motor geschichtlicher Prozesse dargestellt. Eine Biographie des Königs überschreibt die vier Kapitel, die sie umfaßt, mit den Titeln»Ruhmsucht«, »Hartnäckigkeit«, »Eigensinn« und »Einsicht«.Hinter diesem Interesse für die Charaktereigenschaften des Monarchen treten Fragen nach den gesellschaftlichen Zuständen, die Platz für einen Mann seines Typs machten, die innenpolitischen Verhältnissen des Staates, das Verhältnis der Bürger zur Politik des Herrschers weit zurück, zu schweigen vom Leben der Untertanen, derer in Uniform oder derer, die für die Kriegskosten schufteten. Die Frage, was forschend an Neuem zutage gefördert wurde, bringt die Befragten regelmäßig in mehr oder weniger große Verlegenheit. Eine Antwort lautete, es sei jetzt an Dokumenten erwiesen, daß der »alte Fritz« in seiner persönlichen Lebensführung keineswegs so sparsam gewesen sei, wie das bislang behauptet worden wäre. Er hätte für exquisite Speisen erhebliche Summen ausgegeben. Eine andere Entdeckung bietet eine vergleichende Studie zwischen Friedrich II. und George Washington. Der König hätte anfänglich Mühe gehabt, den Namen des großen Mannes jenseits des Atlantiks geographisch richtig zu schreiben, und Washington sei gar geraten worden, sich zum König von Amerika zu erklären. Beide kommentiert ein Privatdozent der Freien Universität Berlin als »tolle Fundstücke«.Charakteristisch ist für viele Interviews, zu denen Fachleute vor Mikrophone gebeten wurden, daß kein Journalist die Sprache auf die reichen Traditionslinien der liberalen und demokratischen Friedrich-II-Forschung bringt, von der von Marx und den Marxisten geleisteten Arbeiten ohnehin zu schweigen. Das muß nicht Ausdruck von deren Ablehnung sein, häufiger dürfte diese Fragenlosigkeit auf nackte Unkenntnis zurückgehen. Die hilft sich mit der Floskel aus, jede Zeit habe eben ihre eigenen Perspektiven. Womit dann die Selbstrechtfertigung geliefert ist, sich um die früheren und deren Wert und Resultate nicht weiter zu scheren. Darauf wird zurückzukommen sein.Wer sich nicht in geistige Unkosten stürzen, sein Geld aber dennoch loswerden will, der trifft in Souvenirläden u.a. auf Friedrich »den Großen« in Kleinformat aus Alabaster, Porzellan, Zinn und Bioschokolade (in Lausitzer Handarbeit), auf einer Trinktasse, einem T-Shirt und als Badeente. Und wer daran Gefallen nicht findet, der läßt sich ein Pils vom Brauhaus Preußen zu Priztwalk einschenken. Als Fluchtpunkt aus dem Rummel empfiehlt sich das Braugasthaus »Zum alten Fritz« in Stralsund oder Rostock, ein Ausflug, der freilich die Lande des Königs hinter sich läßt und in Regionen führt, die dereinst zum Königreich Schweden und zum Herzogtum Mecklenburg-Schwerin gehörten. Selbstredend hat die Post eine Sonderbriefmarke herausgegeben.Was einem Bundesbürger mit einiger geschichtlicher Kenntnis an diesem brandenburgischen Spektakel Unbehagen entstehen lassen kann, namentlich einem Süd- oder Westdeutschen an Saar, Rhein oder Donau, mag nicht einmal die Frage sein, was machen die da eigentlich im fernen Lande Brandenburg, indem obendrein noch eine als rot-rot bezeichnete Koalition regiert, mit dem Geld, das man ihnen via Länderausgleich Jahr für Jahr hinüberschustert. Denn was immer Hoteliers, Restaurants und Kneipen in Berlin und Potsdam am erhofften zusätzlichen Gästestrom verdienen, am Ende wird doch die Staatskasse gebeutelt. Ungleich wichtiger ist jedoch das Bedenken, was mit diesem Friedrich-Fest in einem Staat angerichtet wird, der seit 20 Jahren nach seiner demokratisch-volksgemeinschaftlichen Eintracht strebt. Sollte sich der Verfassungsschutz und wer sonst dafür besondere Verantwortung trägt, daß Deutschland eins werde, nicht einmal um jene Folgen kümmern, die nicht als Nach- und Nebenwirkungen eingestuft werden können?

Und die Sachen?

Was eigentlich, um die Sache beim Namen zu nennen, sollen sich die Sachsen bei diesem Jahresfest denken? Während nordwärts die Brandenburger sich etwas vorflöten lassen und ihre gedankenarmen Gäste an dem Schokoladenfriedrich herumlutschen, fallen ihnen ihre umgebrachten, ausgeplünderten, als Geiseln genommenen, zum Kriegszwangsdienst verpflichteten fernen Vorfahren ein. Denn die erste wie die letzte Schlacht des Siebenjährigen Krieges, der mit dem Einfall der preußischen Armeen in das südliche Nachbarland am 29. August 1756 begann, waren auf dem Boden Sachsens geschlagen worden. Die erste bei Pirna, die letzte bei Freiberg.

Es war einer der frühen liberalen Geschichtsschreiber, Friedrich Christian Schlosser, in Jever geboren, aber im Südwesten lehrend und arbeitend, der in seiner voluminösen 18 Bände umfassenden »Weltgeschichte für das deutsche Volk«, die in Frankfurt in den Jahren von 1844 bis 1857 erschien, das Resultat der Kriegszüge und der Besatzungszeit in vier Worte zusammenfaßte: »Sachsen war zugrunde gerichtet.« Vordem schon hatte Schlosser geschildert, wie das geschehen war: Friedrich »drückte das Land Sachsen wie einen Schwamm aus. (…) In Sachsen verfuhren die Preußen ganz nach der Art der Türken. So wurde z.B. einst in Leipzig, um mit Gewalt Geld herauszupressen, der ganze Magistrat auf die Pleißenburg gebracht, wo die ersten Kaufleute der Stadt schon seit mehreren Wochen ohne Licht, ohne Stühle, ohne Betten und sogar ohne Stroh gefangen saßen. 70 Kaufleute, welche geflüchtet waren, wurden ihrer Güter beraubt. Ja, sogar die Kirchengefäße ließ Friedrich wegnehmen.«

Genug. Jedenfalls hätten die Sachsen, vigilant wie sie sind, keine größeren Schwierigkeiten, ihrerseits eine Ausstellung zu gestalten, die an das vor 300 Jahren geborene Knäblein und dessen sie betreffende Mannestaten erinnert. Auch mit einem Tourismus an Schlachtenorte kämen sie nicht in Verlegenheit, etwa nach dem damals zum Kurfürstentum gehörenden Roßbach südlich von Merseburg, wo Friedrichs Armee am 5. November 1757 die Franzosen besiegte, oder nach Torgau, wo Österreicher am 3. November 1760 den Preußen in der letzten großen Schlacht des Krieges unterlagen. Auch Hochkirch (Bukecy) im Obersorbischen stünde zur Wahl, zumal dort die Preußen am 14. November 1758 von den Österreichern das Fürchten gelehrt bekamen. Doch mögen sie auch auf solchen Ausstellungskrieg und derlei Tourismus nicht versessen sein, hätten sie immerhin das Recht zu fragen, wann endlich sich ein Nachfahre der brandenburgischen Preußen, sagen wir der in Potsdam regierende Ministerpräsident, für die Untaten entschuldigt, die von den Eindringlingen jahrelang während der Besatzungszeit verübt wurden.

Indessen zurück zum Ausgelassenen und zu dem liberal gesinnten Historiker aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Für Schlosser war Friedrich II. »der Große« und der »einzige große Regent seines Jahrhunderts«. Doch hinderte ihn dieses Generalurteil über den Platz, den der Preußenkönig beanspruchen könnte, nicht im geringsten, dessen Politik in Beziehung zum Leben der Volksmassen in seinem Reich zu setzen, die nach einer Äußerung Friedrich Engels’ damals »einen tiefen Schlaf« taten. Die Hinterlassenschaft der schlesischen Kriege – es war nicht die des Preußenkönigs allein – faßte er so zusammen: Die »meisten Länder Deutschlands waren durch den Krieg in einem unbeschreiblich traurigen Zustand versetzt worden. Westfalen, Hessen, die Marken, Schlesien und Böhmen waren mehr oder weniger gänzlich verwüstet. (…) Hannover verarmt, Franken und Thüringen hatte noch ganz zuletzt der preußische General Kleist mit Brandschatzungen heimgesucht.« Von Sachsen war schon die Rede.

Klassenfrage ausgeblendet

In den folgenden 23 Friedensjahren, die der alternde König noch regierte, hätte er sich angestrengt, seinem Lande »aufzuhelfen«, und »unermüdliche Fürsorge für die Untertanen« gezeigt. Doch habe diese Zuwendung »vorzugsweise einer einzigen Klasse« gegolten, dem Adel. Nicht nur das diesem Gelder des Staates zuflossen, auch für »die Bildung des Adels tat er mehr, als für den Unterricht der Bürger«. Zur selben Zeit, da Friedrich »den begüterten Adel durch große Summen unterstützte«, habe er Steuern und Lasten eingeführt, »welche vorzugsweise auf den ärmsten Klassen lasteten.« Schlosser stand nicht an, eine Antwort auf die Frage anzubieten, was die Quelle dieser Politik, womit er zum Gedanken- und Gefühlshaushalt des Königs kam, jedoch auf ganz andere Weise als heutige Geschichtsdeuter. Die Bevorzugung des Adels und deren Rechtfertigung habe Friedrich »mit der Muttermilch« eingesogen, und das »gemeine Volk verachtete« er. Soweit Befund und Urteil des Heidelberger Professors, dessen Werk im Vormärz und in den Revolutionsjahren erschien und in dessen Urteil gewiß das Maß einfloß, das er aus der Interessenlage der sich formierenden Bourgeoisie gewann. Schlosser stellte gleichsam die »Klassenfrage«, die, betrachtet man den Umgang mit dem Preußenkönig mehr als anderthalb Jahrhunderte später, jedenfalls einem großen Teil der Zunft verlorengegangen zu sein scheint.

Jede Zeit stelle ihre Fragen an die Vergangenheit. Diese richtige Feststellung läßt sich durch eine andere ergänzen: In manchen Zeiten werden auch Fragen, die nicht nur längst gestellt, sondern auch überzeugend beantwortet wurden, fallen gelassen. Daß Klassen in der Geschichte der Völker und Nationen ihre Interessen verfechten, daß sie dafür mehr oder weniger erfolgreiche Exponenten besitzen oder finden, es mögen gekrönte Häupter, autokratische oder diktatorische Führer, demokratisch geprägte oder nur gewandete Politiker sein, gehört derzeit nicht zum Unterrichtsstoff in Deutschland, einig Vaterland. Das wird der Staatsakt erneut bezeugen, den die politische Klasse der Bundesrepublik veranstaltet am Tage, da Friedrich geboren wurde, und der im einstigen Königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt stattfindet. Zugegen sein wird der amtierende Bundespräsident, der sich den Bürgern gerade selbst in der Rolle als fehlender Mensch unter Menschen dargestellt hat. Da paßt es, daß dieser Preußenkönig aus »neuer Perspektive« den Bundesdeutschen, deren Geschichtskenntnisse als so verkümmert ausgemacht wurden, in aller beteuerten Unbefangenheit vor allem als Mensch nahegebracht werden soll, mit seinen Stärken und Schwächen, Freuden und Ängsten, seinem Gelingen und Versagen. Eben einer wie du und ich.

Wie das bewerkstelligt wird? Beispielsweise von der brandenburgischen Kulturministerin mit der gefühlvollen Charakteristik: »Er war eine ambivalente und auch tragische Figur mit einer geschundenen Seele.« Jedoch nicht nur in Worten. In Neuruppin, bekannter als Fontanestadt, wohin Friedrich von seinem Vater eine zeitlang als Regimentskommandeur beordert worden war, wird ein Gewächshaus eingerichtet werden, »das sowohl handwerklich als auch künstlerisch die Begeisterung für Friedrichs Gartenarbeit zeigen« und auch dort die Legende korrigieren soll, er habe sich nur um die Kartoffelknollen gekümmert. Nein, er züchtete dort auch Melonen, Kirschen und Levkojen.

Worauf ist noch zu hoffen? Auf die Resistenz der Sachsen und vieler anderer deutscher Volksstämme zwischen den Alpen und der Nordsee, die sich diesem Friederummel nicht ausliefern werden und sei es nur, weil sie mit ihren eigenen gewesenen gekrönten und ungekrönten Blaublütigen genug befaßt werden. Auf die Bayern und insbesondere die Franken ist da am ehesten zu setzen, die haben ihren Guttenberg.

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